Silberbesteck und Zinn verkaufen: so rechnen Ankäufer
Massiv, versilbert oder Zinn: Ankäufer rechnen Besteck und Zinngeschirr nach drei verschiedenen Regeln. So prüfen Sie Feingehalt, Auflage, Gewicht und Kurs.

Silberbesteck und Zinn verkaufen klingt nach einem einzigen Vorgang. Für Ankäufer ist es eine Rechnung mit drei verschiedenen Regeln: Massivsilber wird nach seinem Feingehalt bezahlt, versilberte Ware pauschal nach Kilogramm, Zinngeschirr nach Zinnanteil und dem Kurs einer Industriemetallbörse. Wer den Besteckkasten aus einem Nachlass, die Kaffeekanne aus der Vitrine oder die Zinnkrüge vom Dachboden anbietet, bekommt deshalb Angebote, die sich auf den ersten Blick kaum vergleichen lassen. Dieser Beitrag zeigt, wie die drei Rechenwege funktionieren, woran Sie erkennen, welcher für Ihr Stück gilt, und wie Sie ein Angebot selbst nachrechnen.
Massiv oder versilbert: die Punze entscheidet
Mit bloßem Auge sehen massives und versilbertes Besteck gleich aus. Beide laufen dunkel an, beide liegen schwer in der Hand. Den Unterschied verrät fast immer eine kleine Prägung, bei Besteck meist auf der Rückseite des Stiels, bei Kannen, Tabletts und Platten auf dem Boden oder der Unterseite. Wie Sie solche Zeichen sicher lesen, erklärt der Ratgeber Punzen lesen.
Massivsilber trägt eine dreistellige Feingehaltszahl: 800, 835, 925 oder 999. Sie nennt, wie viele von tausend Teilen reines Silber sind. 925 ist Sterlingsilber, 800 und 835 sind bei älterem Tafelsilber aus Deutschland und den Nachbarländern verbreitet, 999 findet sich vor allem bei Barren und Medaillen. Deutsche Stücke tragen seit dem späten 19. Jahrhundert zusätzlich Halbmond und Krone neben der Zahl.
Versilberte Ware trägt ebenfalls Zahlen, aber andere: 90, 100, 120 oder 150. Das ist kein Feingehalt, sondern die Stärke der Silberauflage. Nach der gängigen Lesart gibt die Zahl an, wie viele Gramm Feinsilber galvanisch auf 24 Teile, also zwölf Löffel und zwölf Gabeln, aufgebracht wurden. Darunter liegt ein unedles Grundmetall aus Kupfer, Nickel und Zink, das je nach Hersteller als Alpacca, Neusilber oder im englischen Sprachraum als EPNS (electroplated nickel silver) gekennzeichnet ist. Trotz des Namens enthält Neusilber kein Silber.
| Kennzeichnung | Bedeutung | Abrechnung |
|---|---|---|
| 800, 835, 925, 999 | Feingehalt in Tausendteilen, Massivsilber | Gewicht mal Feingehalt mal Silberkurs |
| 90, 100, 120, 150 | Stärke der Silberauflage, versilbert | pauschal je Kilogramm Gesamtgewicht |
| Alpacca, Neusilber, EPNS | unedles Grundmetall unter der Auflage | wie versilberte Ware |
| 95 %, Feinzinn, Engel- oder Rosenmarke | Zinngeschirr mit hohem Zinnanteil | Gewicht mal Anteil am Zinnkurs |
Fehlt jede Prägung, spricht das noch nicht gegen Silber. Ältere, umgearbeitete oder stark polierte Stücke haben ihre Marke manchmal verloren. Dann helfen Prüfstein und Prüfsäure oder ein Analysegerät, mehr dazu im Ratgeber Echtheit prüfen.
So ergibt sich der Materialwert von Massivsilber
Bei Massivsilber zählt allein das enthaltene Feinsilber. Die Rechnung hat drei Schritte:
- Gewicht in Gramm mal Feingehalt, geteilt durch 1000, ergibt das Feinsilber in Gramm.
- Den Kurs je Gramm erhalten Sie, indem Sie den Kurs je Feinunze durch 31,1035 teilen.
- Feinsilber in Gramm mal Kurs je Gramm ergibt den reinen Materialwert.
Ein Rechenbeispiel mit einem frei angenommenen Kurs von 1 Euro je Gramm Feinsilber: 1.200 Gramm Besteck mit der Punze 800 enthalten 960 Gramm Feinsilber, der Materialwert liegt damit bei 960 Euro. Für Ihre eigene Rechnung setzen Sie immer den Tageskurs ein. Ausführlicher erklärt das der Leitfaden Berechnung des Silberwerts.
Warum Messer weniger zählen als Löffel
Die häufigste Quelle für Missverständnisse am Tresen ist das Gewicht. Messergriffe und die Stiele vieler Vorlegeteile sind hohl gearbeitet und mit Kitt, Harz oder Gips gefüllt, damit sie ausgewogen in der Hand liegen. Dazu kommen Stahlklingen, Holz- oder Horngriffe und Glaseinsätze. Leuchterfüße und manche Vasen bestehen außen aus einem dünnen Silbermantel und innen aus Vergussmasse. Bezahlt wird nur das Silber. Ein seriöser Ankäufer wiegt Teile mit Hohlgriff deshalb getrennt, zieht die Füllung mit einem nachvollziehbaren Ansatz ab und weist diesen Abzug auf der Abrechnung aus.
Was zwischen Materialwert und Angebot liegt
Kein Ankäufer zahlt den vollen Materialwert. Er gibt das Silber zur Scheidung, trägt das Kursrisiko und arbeitet mit einer Marge. Entscheidend ist, ob der Abzug offen genannt wird. Verbreitet sind zwei Formen: ein prozentualer Abschlag auf den Kurs oder ein fester Betrag je Kilogramm Feinsilber. Der feste Betrag hat eine Eigenheit, die viele übersehen: Bei hohem Silberkurs fällt er anteilig weniger ins Gewicht, bei niedrigem Kurs mehr. Wer zwei Angebote vergleicht, rechnet deshalb beide auf denselben Kurs und dasselbe Feinsilbergewicht um.
Warum versilberte Ware nach Kilogramm gerechnet wird
In versilbertem Besteck steckt nur eine dünne Silberschicht auf viel unedlem Metall. Um sie zurückzugewinnen, muss die Auflage chemisch oder elektrolytisch abgelöst werden. Eine Rechnung Stück für Stück nach Feingehalt ist nicht möglich, denn es gibt keinen Feingehalt, nur eine Auflage. Ankäufer, die versilberte Ware annehmen, zahlen deshalb pauschal je Kilogramm Gesamtgewicht, im besten Fall gekoppelt an den Silberkurs. Die Auflagenzahl kann dabei als Schwelle dienen, ab der ein Haus die Ware überhaupt nimmt.
Für Verkäufer heißt das: Bei versilberter Ware ist der Metallerlös bescheiden, und ein niedriger Kilopreis ist für sich genommen kein Zeichen für ein unfaires Angebot. Anders sieht es aus, wenn das Besteck von einer gesuchten Manufaktur stammt, gut erhalten ist oder als vollständiger Satz vorliegt. Dann kann der Verkauf als Gebrauchs- oder Sammlerstück deutlich mehr bringen als der Kilopreis. Auch unvollständige Sätze sind nicht wertlos, weil Sammler oft gezielt nach fehlenden Teilen suchen. Wie Sie solche Sätze als Ganzes anbieten, beschreibt der Beitrag Tafelsilber verkaufen.
Ein Rat gilt für beide Silberarten: nicht polieren. Viele Silberputzmittel arbeiten abrasiv und tragen bei jeder Anwendung etwas Metall ab. Bei versilberter Ware reibt das die Auflage an Kanten und Zinken durch, darunter erscheint das gelbliche Grundmetall. Antike Stücke verlieren die dunkle Patina in Gravuren und Vertiefungen, die dem Dekor Tiefe gibt. Eine Punze lässt sich auch unter einer Anlaufschicht lesen.
Zinn: Zinnanteil und Börsenkurs
Zinn ist kein Edelmetall, sondern ein Industriemetall. Sein Preis wird an der Londoner Metallbörse (LME) gebildet und in US-Dollar je Tonne notiert. Für eine Rechnung in Euro oder Franken je Kilogramm teilen Sie den Tonnenkurs durch 1000 und rechnen das Ergebnis mit dem Devisenkurs um. Eine gebräuchliche Bezugsgröße ist der tägliche Abrechnungskurs der Börse, das sogenannte Cash-Settlement.
Reines Zinn ist für Krüge und Teller zu weich. Zinngießer haben es deshalb immer legiert, früher oft mit Blei, heute mit kleinen Mengen Kupfer und Antimon. Je höher der Zinnanteil, desto mehr Wert steckt im Metall. Hinweise auf einen hohen Anteil sind eine Prozentangabe wie „95 %“ oder „97 %“ auf dem Boden, die Bezeichnung Feinzinn sowie die historischen Qualitätszeichen Engelmarke und Rosenmarke. Viele ältere Stücke tragen gar keine Angabe. Bleireiches Altzinn hat einen deutlich geringeren Metallwert.
Die Rechnung selbst ist einfach: Gewicht in Kilogramm mal Ankaufspreis je Kilogramm. Ein Zinnkrug wiegt meist 0,5 bis 1,5 Kilogramm, ein großer Teller oder eine Platte bis zu 2 Kilogramm. Dellen, fehlende Deckel oder dunkle Patina ändern am Metallwert nichts. Ausnahmen sind frühe Arbeiten mit klarer Meistermarke, seltene Zunft- und Schützenpokale oder gut erhaltene Kannen bekannter Werkstätten. Solche Stücke gehören nicht auf die Waage, sondern in eine Einzelbewertung.
Ein Beispiel mit offenen Regeln: Timeless & Sons in Feldbach
Viele Ankäufer nennen ihre Abzüge erst am Tresen. Das Schweizer Handels- und Auktionshaus Timeless & Sons in Feldbach am oberen Zürichsee veröffentlicht seine Ankaufsregeln für Silber und Zinn dagegen auf der eigenen Website. Damit lässt sich der Rechenweg an einem echten Regelwerk zeigen. Laut Website des Hauses gilt, jeweils in Schweizer Franken:
- Versilbertes Besteck ab 90er Auflage: 3 % vom Feinsilberpreis je Kilogramm Besteck.
- Massivsilber: Spotkurs minus 500 Franken je Kilogramm Feinsilber, gerechnet auf den ermittelten Feingehalt.
- Zinngeschirr mit mindestens 90 % Zinnanteil: 50 % des Börsenkurses (LME Cash-Settlement, in Franken umgerechnet). Maßgeblich ist der Kurs am Annahmetag.
Gewogen wird im Beisein der Kundschaft, das Ergebnis steht Position für Position auf einer schriftlichen Aufstellung. Mit frei angenommenen Kursen, die ausdrücklich keine aktuellen Preise sind, sähe die Rechnung so aus:
| Ware | Rechnung mit angenommenem Kurs | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1 kg Besteck, Punze 800 | Spotkurs 1.500 Franken je kg Feinsilber, minus 500 Franken, mal 0,8 kg Feinsilber | 800 Franken |
| 4 kg versilbertes Besteck, 90er Auflage | 3 % von 1.500 Franken ergibt 45 Franken je kg, mal 4 | 180 Franken |
| 5 kg Zinngeschirr, 95 % Zinn | Börsenkurs 40 Franken je kg, davon 50 % ergibt 20 Franken je kg, mal 5 | 100 Franken |
Das Beispiel zeigt auch die Eigenheit des festen Abzugs: Bei einem angenommenen Spotkurs von 1.500 Franken erhält der Verkäufer zwei Drittel des Kurses für sein Feinsilber, bei 2.000 Franken wären es drei Viertel. Die tagesaktuellen Werte nennt das Haus auf seinen Seiten zu Silber und Besteck und zu Zinn. Alle Preise sind unverbindlich, abgerechnet wird zum Kurs am Tag der Annahme. Wer in Deutschland verkauft, rechnet in Euro, der Rechenweg bleibt derselbe.
Checkliste: So prüfen Sie ein Angebot für Besteck und Zinn
- Sortieren statt aussortieren: Teilen Sie den Bestand in Massivsilber, versilberte Ware, Zinn und Unbekanntes. Werfen Sie nichts weg und polieren Sie nichts.
- Selbst wiegen: Eine Küchenwaage genügt für eine erste Schätzung. Wiegen Sie Messer und Vorlegeteile mit Hohlgriff getrennt.
- Nach dem Kurs fragen: Welcher Kurs gilt, von welchem Tag, und ist der Abzug ein Prozentsatz oder ein fester Betrag?
- Bezugsgröße klären: Bezieht sich der Preis auf das Feinsilber, auf das Gesamtgewicht oder auf den Zinnanteil?
- Wägung beobachten: Lassen Sie in Ihrem Beisein wiegen und verlangen Sie eine schriftliche Aufstellung je Position.
- Vergleichen: Holen Sie mindestens zwei Angebote ein und rechnen Sie beide auf dieselbe Grundlage um.
- Sammlerstücke trennen: Vollständige Sätze, gesuchte Manufakturen und Zinn mit Meistermarke lassen Sie vorab als Objekt bewerten.
Allgemeine Tipps zu Verkaufswegen für Besteck, vom Händler bis zur Auktionsplattform, finden Sie im Beitrag Silberbesteck verkaufen: Tipps und Tricks.
Häufige Fragen
Was bedeutet die 90 auf meinem Besteck?
Sie bezeichnet die Stärke der Silberauflage, keinen Feingehalt. Das Besteck ist versilbert. Höhere Zahlen wie 100 oder 120 stehen für eine stärkere Auflage.
Sind Alpacca und Neusilber echtes Silber?
Nein. Beides sind Legierungen aus Kupfer, Nickel und Zink. Sie dienen als Grundmetall für versilbertes Besteck und enthalten selbst kein Silber.
Soll ich Silber vor dem Verkauf putzen?
Nein. Putzmittel tragen Metall ab, reiben Auflagen durch und nehmen antiken Stücken die Patina. Ankäufer lesen Punzen auch unter einer Anlaufschicht.
Woran erkenne ich, ob mein Zinn mindestens 90 % Zinn enthält?
Am ehesten an einer Prozentangabe auf dem Boden, an der Bezeichnung Feinzinn oder an einer Engel- oder Rosenmarke. Fehlt jede Angabe, kann ein Ankäufer den Anteil mit einem Analysegerät prüfen.
Warum wird ein Messer anders gewogen als ein Löffel?
Weil viele Messergriffe hohl und mit Kitt oder Harz gefüllt sind und eine Stahlklinge tragen. Bezahlt wird nur das Silber, deshalb wird die Füllung abgezogen.


